Der Burgkeller
(Da der folgenden Text aus einem Buch aus dem Jahre 1932 entnommen wurde, muss der damalige Schreibstil und die Rechtschreibung dieser Zeit berücksichtigt werden!)
Mit der Entwicklung der Burschenschaft von Anfang an verwachsen, ist er zugleich auch Träger der Geschichte der Stadt Jena selber gewesen: Darum sei auch ihm ein besonderes Wort gewidmet. Es geschieht dies wohl am besten durch (auszugsweise) Wiedergabe eines Aufsatzes aus der Feder eines Bundesbruders, des 1927 verstorbenen Ernst Haasler (1883/1884) in Nr. 4 des zweiten Jahrgangs der Burgkellerzeitung. Es heißt daselbst:
Der Burgkeller zu Jena, am Ende der Johannisgasse, dem Johannistor entgegengesetzt gelegen, führt in seiner Uranlage wohl auf die ursprüngliche Befestigung, auf die Burg des Ortes zurück, der im 13. Jahrhundert Stadtrecht erhielt. Dieser älteste Teil der baulichen Anlage befindet sich im Erdgeschoss des hinter der Stadt und Michaeliskirche, am Schulplatz, gelegenen Langhauses, früher Kastenhaus genannt. Außer dem gewaltigen Keller deuten gotische und romanischeTürbogen, Gewölbe und Säulenfragmente in den jetzt zu Wirtschaftszwecken benutzten Räumen auf das hohe Alter der Anlage. Vielleicht bestand aber auch ein baulicher Zusammenhang dieses eben geschilderten Teiles mit dem nach Angabe Adrian Beiers 1295 erbauten Nonnen- oder Michaelisklosters, das einst auf dem Schulplatz stand wenigstens scheint ein jetzt zugemauerter unterirdischer Gang, der in seinem Anfang im Burgkeller noch sichtbar ist, beide Baulichkeiten verbunden zu haben. Wiedeburg, der sich auf Beiers Angaben beruft, hält auch die Möglichkeit offen, dass der Name von "Borgen" abzuleiten sei, im Gegensatz zur "Rose", in deren Wirtsprivilegien ausdrücklich ein Verbot jedweden Kreditierens enthalten war. - Sicher steht fest, dass der Vorderteil des Gebäudes, Kreuz und Johannisgasse im Schatten des Michaeliskirchturms gelegen, in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts als städtisches Repräsentationshaus, -vielleicht als "Bürgerkeller" von dem Jenenser Baumeister Nikolaus Zöllner, der auch das Kollegiengebäude nebst Turm später (1548) errichtete, im Stil einer herben, derben Renaissance erbaut worden ist. Das in seinen Abmessungen nicht gerade große Haus wirkt doch erheblich durch das sinnreiche Verhältnis zwischen Mauerfläche und Öffnungen. Etwas seltsam und ungewohnt, aber sehr charakteristisch, ist der Zwiebelabschluß des Giebels und des Dacherkers über dem Pultdach der Längsseite. Eine Steintreppe, die sich in ihren Details oftmals in Thüringen wiederholt, führt zur der in die Ecke gedrückten Hauptpforte, die ein rundbogiges Portal mit abgeschrägter Laibung ist, geschmückt und gegliedert durch reiche Profilierung mit Eierstab, Zahnschnitt und kleinen Konsolen. Die Fensteröffnungen zeigen bei geradlinigen Giebelabschluß seine Details, und die Mauermassen lichten sich bei stets reicherer Umrahmung der Fenster in wohlberechneter Steigerung. Die weiten Öffnungen des obersten Hauptstocks werden durch schlanke jonische Säulen geteilt, die Öffnung des Dacherkers ziert eine dorische Zwergsäule. Im Innern war im Laufe der Jahrhunderte vieles durch Umbau momentan wirtschaftlichen Bedürfnissen geopfert worden, doch ließen sich durch Zurückgreisen auf vorhandene Grundmauern und unter Benutzung alter Baureste seit 1893 wiederherstellen: die Eingangshalle mit Kamin und Dielentreppe, das Bürgerzimmer mit mächtiger Originalholzdecke im Obergeschoß und das von granitenem Monolith getragene Kellergewölbe nach der Straße. Neu seit 1595 ist der Saalbau in thüringischer Holzarchitektur im Oberstock des hinteren Langhauses, doch stammte das Stockwerk, das diesem Platz machen mußte, nach Ansicht aller Sachverständigen seiner leichten Konstruktion halber nicht aus den Zeiten der ursprünglichen Anlage, sondern erst aus dem vorigen Jahrhundert.
Von der Urgeschichte des Hauses ist noch nichts bekannt. Als Ende Juni 1547 nach dem Siege bei Mühlberg 30.000 Spanier durch Jena zogen, war die Bevölkerung schwer gereizt und aufsässig, und wie in vielen anderen Häusern Jenas soll auch in den Weinfässern in den ungeheuren Gewölben des Burgkellers gar mancher Spanier erschlagen und verscharrt worden sein. - Am 25. Juni zog Kaiser Karl V. in Jena ein, und vor dem Burgkeller wurde ihm ein Ehrentrunk kredenzt. Die beiden gefangenen Fürsten und Stützen des schmalkaldischen Bundes, Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen und Landgraf Ludwig von Hessen, die der Kaiser mit sich führte, wurden auf dem Burgkeller einlogiert, während Karl V. Auf dem Schlosse wohnte. Auch waren Johann Friedrichs Söhne in der Stadt eingetroffen Johann Friedrich der Mittlere, achtzehn, Johann Wilhelm, siebzehn, und Johann Friedrich der Jüngere, neun Jahre alt - , den Kaiser zu bitten, daß er sich ihnen ferner gnädig erzeige, den Vater noch einmal zu sehen und seine Anordnungen entgegenzunehmen. Am 28. Juni hatte der Kurfürst nun jene bedeutsame Unterredung mit seinen Söhnen im oberen Vordergeschoß des Burgkellers, in welcher neben Sicherstellung der evangelischen Lehre zuerst, wenn auch nur in erster Vorbereitung, die Gründung einer hohen Schule in Jena, an Stelle der verloren gegangenen Wittenberger, ins Auge gefaßt wurde. Der verdiente Kanzler Georg Pontanus (Brück) und der vertriebene Bischof von Naumburg, Nikolaus von Amsdorf, waren zugegen; ein positiver Schritt war es, daß sofort in Berufungsverhandlungen mit Melanchton eingetreten wurde, der nach Luthers Tode als geistiges Haupt der deutschen Reformation dastand und von dem es hieß: "Wo Melanchton, da ist Wittenberg."
Für Melanchton verstand es sich gewissermaßen von selbst, daß die neu zu gründende Hochschule nach Jena gehörte. Hatte die Stadt die Wittenberger Universität in ihren Mauern gehabt (1527 und 1535 wegen der Pest) und war Melanchton doch beide Male mit dort und als Lehrer tätig gewesen. Die großen Gedanken von der Freiheit des Gewissens und von der Unabhängigkeit des forschen Geistes gegen menschliche Gewalt, die trotz äußerer Niederlage siegreich aus dem Schmalkaldischen Krieg hervorgingen, erhielten nun für alle Zeiten als Entwicklungsgrundsätze einer wahren deutschen Hochschule eine Stätte in Jena, und ihr Geburtsort, der Burgkeller, bildet ein Wahrzeichen dafür für immer in der deutsch-akademischen Geschichte. - Übrigens blieb des Kurfürst, da der Kaiser, besorgt wegen der in Bergwald und Tal lauernden Thüringer, die seinen Spaniern schweren Abbruch taten, einen überhasteten Aufbruch angeordnet hatte, unbewacht in seinen Burgkellerlogis zurück. In der Eile wurde der wichtigste Mann vergessen. Johann Friedrich aber zog, da er sein Wort gegeben hatte, freiwillig nach, was ihn bei den Spaniern eine "große Beliebung" verschaffte "wegen seines aufrichtigen Gemütes". - Die Herzogin Sybille sagte später, während der Augsburger Gefangenschaft Johann Friedrichs, oft mit ihren Söhnen um "penne ond kalle", und oft wird ihnen der Burgkeller, die Fürsteneinkehr damals, die letzten Abschiedsworte des teuren Gefangenen ins Gedächtnis zurückgerufen haben. Nach diesen Begebenheiten, die hell im Lichte der Geschichte stehen, versinken die Schicksale des Burgkellers wieder in tiefes Dunkel und nur ab und zu gedenkt die Stadtchronik in kurzer Notiz einer Gewalttat oder eines Unglückes, das sich auf ihm zugetragen. Viel wildes Volk wird in wilden Zeiten, besonders während des Dreißigjährigen Krieges, sich auf ihm eingenistet haben, und immer hat sein Mikrokosmus sicher den jeweiligen Kulturzustand des Volkes und der Universität widergespiegelt. Aber auch die spärlichen Notizen, zu denen wir jetzt gelangen, lassen erkennen, daß das Haus seinen ersten Zweck, ein städtisches studentisches Gasthaus zu sein, auch weiter nicht entfremdet wurde, und seine Bedeutung wird infolge seiner zentralen Lage stetig mit der sich hebenden Frequenz der Universität gestiegen sein, die wohl im 17. Jahrhundert mit 1.000 Studierenden und darüber ihren Höhepunkt erreicht. - Im 16. Jahrhundert werden Akte der öffentliche Wohltätigkeit auf dem Burgkeller vollzogen, so z.B. wird am Dienstag in der Marterwoche dort Tuch unter die Armen verteilt. - Um 1643 wird von der wunderbaren Rettung eines Wittenberger Studenten berichtet, der schlaftrunken aus seinen Logis dort 21 Ellen hoch herabgestürzt und sich doch nur geringen Schaden tut. - Schon früh, am 27. Oktober 1650, hören wir von einem Sturm auf den Burgkeller, den Studenten ausführten, und bei dem ein Spielmann aus Zwätzen sein Leben lassen mußte. Dergleichen Stürme wiederholten sich im Laufe der Jahrhunderte zu Dutzenden; immer brandet die akademische Flut in Zorn und Erregung am stärksten und häufigsten um den Burgkeller. - So hatten schon 1644 die Pennalschützen, d.h. Die älteren Studenten, die gesamte Studentenschaft auf den Burgkeller beschieden, um sich gegen zwei Neulinge von außerhalb zu verschwören, die, waffenkundig wie sie waren, die jungen Studenten zum Waffentragen aufgefordert und somit eine Bewegung zur Abschaffung des Pennalismus eingeleitet hatten. Näheres über die zweifellos erbitterten Kämpfe meldet leider der Chronist nicht. - Am 5. November 1652 fällt ein gewaltiger Stein von den Zinnen des Michaeliskirchturms mit solchen Getöse auf das Burgkellerdach, daß Andächtige, die in der Stadtkirche zum Gottesdienst versammelt sind, vermeinen, das Kirchengewölbe berste, und in panikartiger Flucht das Gotteshaus verlassen. Sollte vielleicht damals bei einer durchgreifenden Reparatur das Dach des Vorderhauses so verändert sein, wie es heute steht? Das stimmte für die Mitte des 17. Jahrhunderts und würde den gewissen Gegensatz erklären, in dem das heutige Dach zu der beim Vorderhause sonst zugrundegelegten reifen Renaissancearchitektur sich befremndlicherweise befindet. - Die folgenden spärlichen Nachrichten beziehen sich meist auf Unfälle: so stürzte sich 1666 ein Bortenwirker beim Verlassen des Burgkellers zu Tode, und 1684 in ihm ein Trompeter einen Schulknaben. - Was den Wirtschaftsbetrieb angeht, so war der Keller mit allem Notwendigen reichlich versehen. Um 1550 kostete dort das Maß Neustädter oder Naumburger Bier 4 Pfg., Orlamünder 3 ½ Pfg. und Stadtbier 2 ½ Pfg. - Bis 1656 wurden nur Bier und inländische Weine auf dem Burgkeller verschänkt, da die "Rose" allein bis dahin ein Privileg für den Verkauf ausländischer Weine hatte. Sobald aber in genanntem Jahre der beschwerliche Weinzehnte abgeschafft wurde, fing man auch auf dem Keller an, fremde Weine zu verzapfen. 1670 gibt es dort nicht nur Bier aus Naumburg, Orlamünde, Krimmitschau, Braunschweig und Zwerbst, sondern außer Landwein auch Franken-, Rhein- und spanische Weine. Hieran knüpft der Chronist eine bewegliche Klage über den Getränkeluxus vor mehr als 200 Jahren! - Ausgangs des 18. Jahrhunderts ist der Keller Kaffeehaus; die bürgerlichen Hochzeiten werden dort gefeiert. Eine ganze Zeit schweigt glücklicherweise die Unglückschronik. Erst 1733 wird wieder ein Mord gemeldet: es ersticht ein Kurländer von Adel im Wirtszimmer um Mitternacht einen Kommilitonen. Dem entleibten wird die ewige Seligkeit wegen seines wilden Wandels abgesprochen. 1795 stürmen Studenten, nachdem sie die Wohnung des Prorektors verwüstet hatten, wieder einmal den Burgkeller und lassen ihre Wut sogar an dem Küchengeschirr aus das total demoliert wird. - Von den traurigen Oktobertagen 1806 wissen die alten Mauern auch so manches zu erzählen, biwakierten doch die Franzosen in der Nacht vom 14. zum 15. Oktober um den Burgkeller und auf dem Kreuz bei großen Wachtfeuern und ging doch der Zug der Verwundeten und Toten vom Landgrafen her in beständiger Folge an ihm vorbei in die Michaelstraße, wo das große französische Wundlazarett eingerichtet worden war. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts als der Kampf der Landsmannschaften untereinander, nach Besiegung der Ordensherrschaft, tobte, war der Burgkeller Sitz des Landsmannschaft der Mecklenburger, die sich nach fälschlicher Geschichtsrekonstruktion auch „Vandalia“ nannten und aus denen ein Teil der tüchtigsten Gründer der Burschenschaft hervorgehen sollte. Mit Gründung der Burschenschaft (12. Juni 1815)steht der Burgkeller wieder im Vordergrund des gesamten akademischen Leben, denn wenn auch zwar für die ziemlich die gesamte Studentenschaft umfassende, ca. 500 Mann starke Burschenschaft geräumige Kommershäuser nötig waren für die 8 Jahreskommerse (es waren dies nacheinander die Tanne, die Rose und der Löwe), so tagten auf dem Burgkeller doch der Vorstand und die Führer der Bewegung, zum großen Teil alte Feldzugsoldaten aus dem Lützowschen Korps, auch waren seine Räume besonderen Veranstaltungen vorbehalten. - Bis zum Jahre 1836 war der Burgkeller im Besitz der Stadt, am 1. Mai des Jahrs ging er in den Besitz des nachmals im ganzen Reich genannten und gekannten Gottlob Dietsch, Fleischermeister von Profession, über, dem noch zwei Wirtsgenerationen folgten, bis im Jahre 1893 endlich der derzeitige Besitzer "Kreditverein Burgkeller" die Baulichkeit erwarb, die während dieses fünffachen Besitzwechsels ihren Wert auch mindestens verfünffacht hatte. Des berühmten Wirtes, den der Burgkeller in modernen Zeiten gehabt hat, eben des vorgenannten Gottlob Dietsch, wäre noch in Kürze zu gedenken. Der unglückliche, in Rastatt erschossenen Burgkelleraner A. von Trützschler hatte ihn als Anfänger unterstützt und es ihm wirtschaftlich möglich gemacht, den Burgkeller vom Stadtrat zu kaufen. Mit ganzer Seele hing dieses Wirtsunikum an der Burschenschaft der Burgkelleraner, die er gern die seinigen nannte, und deren Vorstand er nie anders als im Sonntagsstaate nahte. Zahllos, in Prosa und Vers, sind die Anekdoten über ihn angehäuft, in ganz Deutschland und der Schweiz war er durch seine Tretreisen bekannt. Als er auf einer derselben am 11. September 1855 zu Brittbau bei Zofingen im Kanton Aargau plötzlich starb, erwies ihm ein alter Burgkelleraner, Pfarrer Baumann, die letzte Ehre, und zahlreiche Schweizer Freunde setzten ihm eine Grabstein mit der berühmten Inschrift: "Er war ein Gläubiger". Um von Wirtslaunen und Wirtswechsel für alle Zeit unabhängig zu sein, gab sich die Burschenschaft am 30. Juli 1859 den Namen "Arminia a. d. Burgkeller"
Wie die wirtschaftlichen Verhältnisse sich gestalteten, nachdem Dietsch´s Nachfolger Berghoff 1872 den Burgkeller an den Inspektor Knolln verkauft hatte, soll hier nicht weiter behandelt werden. Im Jahre 1878 war er auf Knolls Sohn erblich übergegangen. Mit ihm schloß der Vorstand des Kreditvereins durch seine Mitglieder K. v. Strenge (1861), Gotha, Franz Lembke (1858), Jena, Hermann Zeitz (1867), Jena, unter wirksamer Beihilfe und Unterstützung der Gebrüder Heinrich Stoy (1865) und Stephan Stoy (1874/75) am 8. Oktober 1893 den Kaufvertrag ab und erwarb das Eigentum an dem alten Burschenhaus. Dadurch wurde er für die Burschenschaft endgültig gesichert.
Das nunmehrige Besitztum erforderte sofort eine gründliche Umgestaltung. Jeder neue Inhaber hatte nämlich an dem alten Gemäuer nach Kräften herumgebaut und herumgeflickt, so daß allmählich ein nichts weniger als schöner Wirrwarr von Gängen, Gemächern und Wirtschaftsräumen entstanden war. Die großen Stuben waren unterteilt, die alten Balken und Gewölbe unter Putzdecken verschwunden und auch als Wirtschaft war der Burgkeller immer mehr gesunken. In diesen Bauzustand wurde nun kräftig eingegriffen. Die große Eingangshalle vor der Kneipstube wurde freigelegt, in damaligem Raissancegeschmack ausgeschmückt und mit breiter Holzfreitreppe versehen.
Im Remter wurden die Gewölbe wieder unter den Zwischengewölben hervorgeholt, desgleichen in der Johann-Friedrich-Stube die Zwischenwände herausgenommen und die Balkendecke freigelegt. 1894 wurde im 1. Stock des Ostflügels unter Beseitigung mehrerer Klubzimmer ein großer Saal mit gotisierender Fachwerk-Architektur geschaffen. Das Zugänge und Nebenräume mehr als ungenügend waren, störte damals wohl die Baupolizei noch nicht. - Im Jahre 1898 ließ Zeiß den Tunnel unter den Kneipzimmer untersuchen. Der Bericht lautet:
Es ergab sich, daß er der Überrest eines alten Kreuzgewölbes ist, welches durch Einziehung von horizontalen und vertikalen Wänden verbaut war (offenbar vom alten Dietsch zu Fleischerzwecken). Der Beschluß des Vorstandes des Kreditvereins, das alte Gewölbe wieder freizulegen, wurde alsbald zur Ausführung gebracht. Damit war eine schöne Halle geschaffen von dem Flächenumfang der Kneipzimmer und einer Höhe von 4,50 m. Die Decke bildet ein viergliedriges Gewölbe, getragen von einer alten Säule, die durch die eingezogene Mauer verbaut war. In der Säule sind alte Jahreszahlen, z.B. 1817 und 1820, eingemeißelt; es ist nachgewiesen, daß die Halle zur Zeit der altem Burschenschaft in Gebrauch gewesen ist. Den Eingang bildet das halbrunde Tor gleich neben dem Haupteingange des Burgkellers und die von da direkt in die Halle führenden Treppen. An Stelle der viereckigen Tür des Tunnels kommt ein Fenster; die Fenster nach dem Kirchplatz heraus sind in der alten Größe wiederhergestellt. Der ganze Raum ist mit Zement betoniert, der Fußboden asphaltiert.
Dieser Raum wurde für die Burschenschaft bestimmt, vorbehaltlich der dann und wann an den Wirt zu erteilenden Erlaubnis die Räumlichkeit auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Im Jahre 1899 machte sich zur Behebung der Feuchtigkeit im Keller, deren man trotz kostspieliger Ausbesserungsarbeiten nicht hatte Herr werden können, die Legung einer Röhrenleitung aus gußeisernen Röhren nötig. Eine den neuesten Anforderungen entsprechende Klosettanlage wurde 1903 geschaffen. In gleicher Zeit gewann das Kneipzimmer eine wesentliche Verbesserung durch einen neuen, sehr schönen Kachelofen, sowie eine wesentliche Verbesserung durch einen neuen, sehr schönen Kachelofen, sowie durch die an Stelle der alten Fenster eingesetzten bunten Scheiben.
(...)
Während des Krieges hatten nicht nur alle Arbeiten im und am Burgkeller, sondern auch die notwendigsten laufenden Ausbesserungen, unterbleiben müssen. Damit sah man sich denn nach Friedensschluß vor die Entscheidung gestellt, entweder sehr kostspielige, umfassende Ausbesserungsarbeiten vorzunehmen, oder den Burgkeller gänzlich verfallen zu lassen. Diese stand natürlich außerhalb jeder Erörterung. Da warf E.M. Braunschweig (1878), der sich nach dem Tode unseres hochverdienten E.M. Hermann (1867) der Angelegenheiten des Bundes besonders annahm, die Frage auf, ob es nicht ratsamer sei, die hohen Ausbesserungskosten gleichzeitig für einen zweckmäßigen Umbau nutzbar zu machen. Nach langen Verhandlungen setzten er und St. Stoy sich über allen Bedenken hinweg und faßten den kühnen Entschluß, das altehrwürdige Haus zeitgemäß umzubauen und wieder im alten Glanze zugleich als Bundeshaus, als Saalbau und als gediegenes bürgerliches Wirtshaus erstehen zu lassen. Mit der Durchführung der Aufgabe betrauten sie die Dresdner Architekten Professor Dr.-Ing. E. Högg und Professor Dr-Ing. R. Müller, und obgleich die Aufgabe "wie es bei solchen Umbauten zu gehen pflegt" mit jedem Eingriff in die alte, morsche Baugruppe wuchs, und obgleich die Ausführung in die Tage des schlimmsten Marktsturzes geriet und die Bausumme sich verzwanzigfachte so wurde doch unter Auferbietung aller Kräfte und mit begeisterter Opferwilligkeit das Unmöglich-Scheinende möglich gemacht und der Bau fast ohne Einschränkungen des Entwurfs zu Ende geführt:
Trotz der geringen Breite des Grundstücks gelang es, in den Lichthof ein geräumiges Treppenhaus mit geradläufiger, in Beton hergestellter Treppe hineinzubauen, so daß der Saal nun unmittelbar und feuerpolizeilich ungefährdet vom Kirchplatz aus erreicht wird. Die Nebenräume des Saales konnten zwar nur in bescheidenen Abmessungen angelegt werden, genügen aber für die örtlichen Ansprüche vollkommen. Im Erdgeschoß wurden außer großer Küche, Anrichte und sonstigen Wirtschaftsräumen drei Gaststuben gewonnen, deren vordere größte nur noch in ihren malerischen hochgelegenen Fenstern den alten Zustand zeigt, während die zweite noch mit der alten gekehlten Balkendecke, die dritte, das sogenannte Schluckein, mit einem Kreuzgewölbe überdeckt ist.
Gedrungene grün und braun glasierte Kachelöfen, Wandbänke mit hohen Rückenlehnen, kräftige Stühle mit Binsengeflecht, schwere Tische auf Kreuzbeinen, aus Holz gedrehte Leuchter an kräftigen Ketten, alles in einfachsten, fast zimmermannsmäßigen Formen, passen sich den mittelalterlich gestimmten Räumen an, ohne doch in Stilnachahmung zu verfallen. Es ist der urwüchsige Geist des kraftvollen Mittelalters, der hier weht, keine durch Nachahmung von Äußerlichkeiten geschaffene Butzenscheiben- Romantik. Das gilt vor allem auch von der Ausmalung, die dem Bremer Maler Paul Perks übertragen war, und von dem auch die Entwürfe zu der Kellerausmalung stammten. Wände und Decken tauchte er in kecke, wenig gebrochene Farbentöne, auf die er in freier Pinselmalerei sein fröhliches Ranken- und Bandwerk setzte, das der eine für gotisch, der andere für hochmodern halten mag. Eingang Treppenhaus und erste Gaststube sind im Grundton gelb und licht gehalten. Die zweite Gaststube ist auf Grün und das Schluckein auf Rot und Blau gestimmt; beide sind mit schwarzem Rankenwerk belebt.
Eine Meisterleistung stellt die farbige Bewältigung des großen Saales im ersten Stock dar. Dieser Raum mit seiner für den heutigen Geschmack unmöglichen falschen "Gotik" und seinen unschönen Verhältnissen war eigentlich schon aufgegeben worden. Er sollte zu günstiger Zeit einem Neubau Platz machen. Welch starkes Mittel für die Verbesserung von Raumverhältnissen wir in der Farbe und der geschickten Ausnutzung gemalter Aufteilung besitzen, zeigt uns Perks, unter dessen Pinsel das Fachwerk an Wänden und Decke vollständig verschwand, während eine in der Hauptsache waagerechte Gliederung der Wände den kahlen hohen Raum in die breite zog. Zwei besonders liebevoll durchgebildete, hölzerne Kronleuchter, je aus drei übereinander hängenden durchbrochenen Tafeln gebildet, vervollständigen den ausgezeichneten Gesamteindruck. Die Farbstimmung ist lebhaft bunt. Die Streifung des oberen Wandteiles schwarz-gelb-rot, an die Farbe der Burschenschaft erinnernd.
(...)
Die Geschichte des Burgkeller bliebe unvollständig, erwähnte man nicht zwei Persönlichkeiten, ohne die er undenkbar ist, da sie Jahrzehnte lang in ihm täglich aus- und eingegangen sind, nämlich die beiden Coleurdiener (es gibt dafür noch keine eingebürgerte Verdeutschung) Heinrich Pfaff und Hermann Hage.
Heinrich Pfaff gehörte zweifellos zu den Originalen, deren das alte Jena eine ganze Anzahl aufzuweisen hatte. Die Geschichten, die von ihm und über ihn in dem Bunde umliefen, waren unzählig wie der Sand am Meere. Alle aber weisen sie den gemeinsamen Grundzug auf, daß „Hendrik“ es mit den vielgewandten Odysseus in Verschlagenheit und „Großzügigkeit“ des Gewissens wohl aufnehmen konnte, dabei aber immer die Miene des Biedermanns zu wahren verstand und über Humor verfügte, der ebenso unverwüstlich war wie sein „Dorscht“. Er war das Urbild der Coleurdiener der alten Zeit. Treu und umsichtig sorgte er für alles, was mit Fechtboden und Mensurbetrieb, auswärtigen p.p.-Suiten, Kommers, Ausschmückung des Kneipzimmers und Instandhaltung der Gräber der in Jena bestatteten Bundesbrüder zusammenhing. Stets dienstbereit und gefällig, übernahm er die Aufträge der Bundesbrüder, sei es, daß er Sachen zum Schneider oder Koffer zur Bahn oder sonst etwas besorgen sollte und war pünktlich mit Frau und Kind zur Stelle. Auf sein „Es wird b´sorgt, Herr Dukter“ konnte man sich ebenso verlassen wie darauf, daß er auch nach der geringsten Leistung sagte, „da kriegt mer aber Dorscht dabei“. Für dessen Stillung wußte er in allen Lebenslagen zu sorgen. So barg der Korb, in dem er bei Ausübung seines eigentlichen Berufes als Maurer hoch am Michaelisturme hing, eine stattliche Anzahl Bierflaschen, und bei gestörten Mensuren fand er immer noch Zeit, in den Sack mit den zu rettenden Paukzeug einige Flaschen mitgehen zu heißen. Auf dem Burgkeller hatte er seinen Stammplatz am Eckfenster nach der Johannisstraße mit dem Rücken nach der Tafel, auf der der diensthabende Pietsch oder Perkeo bereitwillig die Zahl der von ihm geleerten „Dorschtschoppen“ auf F.P. (Fremdenpump) ankreidete. Trotz dieses altdeutschen Durstes zu jeder Tages- und Nachtzeit war er immer leistungsfähig und pünktlich. Für seine „Herre“ ging er durchs Feuer, anderen aber spielte er gerne einen Streich. So fanden sich gelegentlich Stücke aus dem Paukzeug der Germanen und Teutonen in dem unsrigen, wohin sie natürlich „ganz zufällig„ gekommen waren. Wie er im Bandagieren geradezu ein Künstler war, so auch im Ausschmücken. Wunderbare Klingenformen, herrliche Eichenlaubgewinde mit den Farben durchflochten, Stoßschlägertrophäen zauberte er in den alten urgemütlichen Burgkellersaal zu großen Festen – all das Grüne aber verschaffte er sich höchstselbst freihändig und kostenlos in den Bergen bei Nacht, seine Frauensleute aber trugen es willig im Morgendämmern zu Tal. Zu Weihnachten besorgte er auf diesem für ihn gewöhnlichen Wege eine prächtige Tanne, die im Kneipzimmer aufgestellt und neben reichlichen Lichterschmuck üppig mit Sauerheringen, Würstchen usw. behängt wurde. Die Beute aus diesen Waren fiel ihm und seinem Anhange natürlich zu. Die Diener der anderen Jenaer Verbíndungen betrachteten ihn als ihren Alterspräsidenten und Obmann. Zweifellos konnte er über die meiste Erfahrung Gerissenheit verfügen. In ganz Jena war er eine stadtbekannte Persönlichkeit. Seine Wohnung aber war geradezu ein Museum von allerhand Dingen, die er im Laufe der Jahre „gefunden“ hatte. Wände, Tische, Kommoden waren dicht behängt und bedeckt mit alten Stoßdegen, Schlägern, langen Pfeiffen, Schattenrissen, alten Bildern, Bierkrügen, Gläsern, bemalten Tassen, Pfeiffenköpfen, Aschenbechern, Studentenmützen, kurzum mit all dem, was zur Ausschmückung einer Studentenbude zu dienen pflegte. Ganz besonders stolz war er, wegen „Beihilfe zum Zweikampf“ zu Festung verurteilt worden zu sein. Als Gentleman mit Sporenstiefeln, mit Reitgerte und keckem Hütchen trat er die Reise an, nachdem er zweimal sein Reisegeld in Flüssigkeit umgesetzt hatte.
Im Januar 1902 wurde er wegen Altersschwäche in den Ruhestand versetzt. Sein sehnlichster Wunsch war es, als er schon auf dem Sterbebett lag, zur Enthüllung des Burschenschaftsdenkmals nach Eisenach mitfahren zu können. Als ihm dies natürlich nicht gewährt werden konnte, nahm er seine letzten Kräfte zusammen und warf deiner biederen Ehehälfte, die es mit „ihrem Saufluder“ nicht leicht gehabt hatte, eine Kaffeetasse an den Kopf – und verschied. (25. September 1902)
So starb Heinrich Pfaff – ein Mensch voll unendlicher Humoristik für den teilnehmenden Beobachter, - dem Burgkeller ergeben bis zum letzten Atemzuge.
Als Mensch ein Gegenstück zu ihm, wie es nicht krasser gedacht werden konnte, war sein Nachfolger Hermann Hage. Er stammt aus Zwätzen und hat schon von klein auf den Mensuren daselbst beigewohnt, so daß er im Laufe der Jahre sich einen kritischen Blick für sie erworben hatte. Mancher Bundesbruder führte seine Erfolge auf die von ihm geratenen „Dessins“ zurück. Im Bandagieren hatte er sich bald dieselbe Fertigkeit wie Pfaff angeeignet, und der Instandhaltung des Paukzeuges galt seine ganze Sorgfalt, wie er überhaupt mit großer Gewissenhaftigkeit alle Obliegenheiten versah. Man konnte sich auf ihn unbedingt verlassen, und lieber lehnte er einen Auftrag ab, wenn er nicht bestimmt glaubte, ihn erfüllen zu können. Geradezu erstaunlich ist seine Kenntnis der einzelnen Bundesbrüder, deren weitere Schicksale er mit reger Anteilnahme verfolgt. So ist er in der Lage, über die meisten Auskunft geben zu können. Mit jedem einzelnen weiß er mitzufühlen und ist für manchen mit der reichen Erfahrung, die er in seinem ganz der Pflicht gewidmeten Leben gesammelt hat, ein treuer Berater gewesen. Und doch ist er der stille bescheidene Mann, der von dem, was er tut, kein Aufhebens macht, sondern immer still zurückhaltend und anspruchslos bleibt.
Das Jubelfest des 50. Semesters hat er bereits hinter sich. Am 10. Dezember 1930 bandagierte er seine 5000. Partie, bei welcher Gelegenheit der Bund ihm ein Geschenk überreichte.
Da er im Frühjahr 1932 70 Jahre alt geworden ist, trat er am 1. April in den wohlverdienten Ruhestand. Freundliche Wünsche aller Bundesbrüder geleiten ihn in diesen in der Hoffnung, daß er noch weiter am Leben des Bundes teilnehme.
Zum Schluß noch ein Wort über das, was der Burgkeller uns innerlich gibt. Man sagt wohl nicht zuviel, wenn man ihn als den Brunnquell aller Kraft des Bundes bezeichnet. Denn es ist ein kaum in Worte zu kleidender Zauber, den er ausübt. Wer sich dereinst in jugendlicher Begeisterung ihm geweiht hat, den läßt er nicht mehr los bis an das Ende des Lebens, für den haben die starren Mauern lebendigen Geist und lebendige Seele. So ist und bleibt er allen eine gemeinsame Heimat. Welches Burschenhaus ist so von den seinen besungen worden wie der Burgkeller ? Auch ein Stück Eigenart. Es sei hier gedacht der vielen in der Burgkeller-Zeitung veröffentlichten Verse, besonders der in den Liederschatz des Bundes aufgenommenen neuerdings wieder kräftig bevorzugten Gesänge von v. Pfistner (1887), August Sturm (1872/73) und Ernst Wiegmann 1 (1887), die alle ein flammendes Bekenntnis zu der alten prunklosen aber trutzigen Hochburg sind:
Andre mögen´s nimmer fassen,
Was Du warst mir, ich nicht kann lassen,
Wie es tief im Herzen ist, was Du bist,
Wie Dein Bild
In des Lebens Bitternis,
Auf des Werktags grauer Straß´
Geht ein Schimmer stillen Glanzes
Von Dir aus ohn`Unterlaß.
Und dann eilen die Gedanken
Meilenweit zu Dir hinaus,
Liebes, teures, unvergess`nes,
Altes, graues Burschenhaus.
(Text entnommen aus: Hanow, Rudolf, Geschichte der Burgkellerburschenschaft Arminia auf dem Burgkeller während der Jahre 1859-1932, Hildesheim 1933, S. 172 – 193)
Nach dem Verbot der Burschenschaft 1935 wurde der Burgkeller von der mittlerweile gegründeten „Kameradschaft Lützow“ bis zum 13. März 1945 „bevölkert". Aus den vorangegangenen Ausführungen alter Burgkelleraner wurde ersichtlich, welche starke und bedeutsame Beziehung zwischen unserer Burschenschaft Arminia a.d.B. und dem alten Burschenhaus bestand. Aus diesem Grunde traf es den Bund auch schwer, als der Burgkeller am 13. März 1945 durch einen anglo-amerikanischen Bombenangriff zerstört wurde. Was von den Bomben verschont geblieben war, das wurde später, wie auch andere bedeutende historische Gebäude, von den neuen Machthabern weggerissen, um die alten Traditionen aus den Erinnerungen der Stadt und ihrer Bewohner zu verbannen.... Als unsere Burschenschaft nach der politischen Wende in der DDR und der Wiedervereinigung Deutschlands 1991 aus dem Mainzer Exil nach Jena zurückkehren konnte, war es nicht möglich das alte Burgkellergrundstück zurück zu erwerben. Daher wurde die "Grüne Tanne", das Haus vor dem dereinst die Burschenschaft ins Leben gerufen wurde, als neues Verbindungsheim erworben und schließlich 1994 bezogen.







