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Grüne Tanne

Wann die „Grüne Tanne“ bzw. das Gebäude, welches später diesen Namen trug, errichtet wurde, weiß keiner genau zu sagen. Vielleicht hat sich dort schon zur Zeit der frühesten Besiedlung (erste Erwähnung Jenas als „Jani“ im 9. Jahrhundert, Stadtrechte 1230) Fährleute niedergelassen. Die gemauerten Kellergewölbe stammen aus der Zeit der Gothik, die Füllhölzer in der Decke des vielfach umgebauten Hauses aus dem 16. Jahrhundert. Die um 1840 errichtete erste Camsdorfer Brücke zählt zu den sogenannten sieben Wundern Jenas (`septem miracula Jenae`); danach wurden wandernde Handwerksburschen geprüft, ob sie wirklich in Jena gewesen waren: ara (die Durchfahrt unter dem Altar der Stadtkirche), caput (der `Schnapphans`am Rathaus) draco (der siebenköpfige `Drachen`im Stadtmuseum), mons (der Jenzig), pons (die alte Camsdorfer Brücke), vulpecula turris (der Fuchsturm) und Weigeliana domus (das durch allerlei Einrichtungen merkwürdige, 1898 abgerissene Weigelsche Haus in der nähe des Burgkellers). Vielleicht war es auch so, daß durch die Aufschüttungen vom Brückenbau das Erdgeschoß eines dort errichteten Gebäudes später zum Keller wurde. Die Brücke wurde 1637 von den Schweden gesprengt, erst 1655 wiedererrichtet und 1912 abgerissen. Auch das nach einem Brand 1768 neu errichtete Geleitshaus mußte, da es mit einer Ecke auf der Camsdorfer Brücke stand, 1912 dem Brückenneubau weichen. Das solide gebaute Geleitshaus hat seinen Namen daher, weil hier das Brückengeld erhoben wurde. Später befand sich dort eine sachsen-weimarische Zollstation und auch wohl schon früh eine Gaststätte, in der, wie in der „Grünen Tanne“, Fuhrleute und Reisende rasten und übernachten konnten, später auch studentische Korporationen ihren Sitz hatten. Eine Steinbank bot den festen Grund zum Bau dieser Brücke zum Ufer von Camsdorf, einem Dorf, das erst 1891 Wenigenjena eingemeindet wurde. Noch auf der Flurkarte von 1844 sieht man, daß es zwischen der „Grünen Tanne“ und dem Geleitshaus keine Straße mehr gab, wie auch Camsdorf und Wenigenjena zwei weit auseinanderliegende, nur durch schmale Feldwege miteinander verbundene Ortschaften waren. Die Straße führte deshalb früher saaleabwärts, der heutigen Wenigenjenaer-Uferstraße folgend, und mündete bei der Marienkirche, seit Schillers Trauung mit Charlotte von Lengefeld (1790) Schillerkirche genannt, in den alten nach Bürgel führenden Handelsweg.Der Gasthof gehörte zum ehemaligen Camsdorfer Freigut und besaß seit alters die Brau- und Schenkgerechtigkeit. Ähnlich wie Rittergüter (ohne jedoch deren Herrschaftsrechte zu besitzen) waren Freigüter von öffentlichen und grundherrlichen Abgaben befreit. Der zum Freigut gehörende Gasthof, schon seit 1751 „(Grüne) Tanne“ genannt, war meistens verpachtet. Als erster Besitzer des Freigutes erscheint in alten Urkunden der Amtsschösser Sebastian Wöllner, der mit Urkunde vom 22. Oktober 1507 von Kurfürst Friedrich III. Dem Weisen und dessen Bruder Johann dem Beständigen eine Abgabenbefreiung seines Hauses und Hofes erwirkte. 1554 wurde die Befreiung von den drei Söhnen des Kurfürsten Johann Friedrichs I. Des Großmütigen bestätigt. Später besaß Dr. jur. Georg Adam Struve (1619-1692), seit 1646 Professor der Rechtswissenschaften in Jena, das Freigut. Adrian Beier, Geographus et Architectus Jenensis, schreibt in seiner „Abbildung der Jenischen Gegend, Grund und Bodens...“ (Jena 1665): „Kamsdorf / das nechste Dorf by Jehna / an der steinern Brükken / hat seinen Nahmen vom Kraut / welches die Hausmutter mit Saltz und Kümmel einmachen / Und Kambs-Kraut nennen. In diesem Dorff liegt ein stattlich Vorwerk / welches anitzo besitzet D. Georgius Adam Struve“. Und in Beiers „Abbildung der Jenischen Gebäude...“ (1681) heißt es: „Anitzo ein Fuhrwerg (Vorwerk), zuständig, D. Georgio Adamo Struven, weiland P.P. Zu Jena und nachmals zu Weimar und jetzt Geheimer Rath und Ordinarie der Juristen Facultät“. Um 1720 war Adam Schäfer Eigentümer. Ihm folgten Dr. Friedrich Teichmeyer (1665-1744), Professor der Experimentalphysik (seit 1717), Medizin (seit 1719), Botanik, Chirugie und Anatomie (seit 1727) in Jena, und nach ihm dessen Schwiegersohn Dr. Joachim Darjes (1714-1791), 1744-1763 Professor der Philosophie (Politik und Moral) in Jena. Darjes verkaufte das Gut an Frau von Boso (Gattin von Carl Friedrich von Boso auf Branderoda und Obercamdorf, Oberaufseher der Saalflöße), die es um 1766 besaß. Als Besitzer des Freigutes folgten vor 1785 Johann Nicolaus Reuße, Erb- und Gerichtsherr auf dem von Geysianischen Freigut in Ziegenhain. Auf einem Jenaer studentischen Stammbuchblatt aus der Zeit um 1740 (Edmund Kelter: Jenaer Studentenleben zur Zeit der Renommisten von Zachariae, Hamburg 1908, Blatt 12 „Feuerwerk auf dem Landfeste“) ist an der Stelle, wo sich später die „Grüne Tanne“ erhob, noch ein freier Platz erkennbar. Man geht also sicher nicht fehl in der Annahme, daß der Gasthof (wohl auf älteren Fundamenten) Mitte des 18. Jahrhunderts errichtet wurde. Nach dem Tod von Reuße fiel das Camsdorfer Freigut an dessen Kinder bzw. Erben. Um 1800 folgte N. Theuß aus Weimar, danach Carl Friedrich Heidenreich aus Jena (gest. 1839), dessen dritte Ehefrau sowie Heidenreichs Kinder bzw. Erben. Mitte der 1840er Jahre wurde das Freigut unter der Vormundschaft des Geheimen Hofrates Dr. Ferdinand Gotthelf Hand (1768-1851), seit 1817 Professor der griechischen Sprache und Literatur in Jena, von Heidenreichs ältester Tochter aus 3. Ehe als Eigentümerin verwaltet. Danach erwarb Friedrich Mämpel das Freigut. Wahrscheinlich wohnte der berühmte Schweizer Arzt, Naturforscher und Dichter Albrecht von Haller (1708-1777) einige Zeit in der „Grünen Tanne“, mit Sicherheit in einem Haus auf dem dazugehörigen Grundstück seines Schwiegervaters Teichmeyer. Er war von der Schönheit der Gegend begeistert und hat sie wegen ihres Reichtums sehr bewundert. Von Haller war dreimal verheiratet und hatte elf Kinder. In dritter Ehe war er seit März 1741 mit Sophia Amalia Friederike, Tochter von Professor Teichmeyer, verheiratet. Wie von Haller die Bekanntschaft Teichmeyers gemacht hatte, ist unklar. Vielleicht hatte er von seinem Göttinger Kollegen Johann Andreas Segner (1704-1777) von Teichmeyer und Jena gehört. Segner hatte 1725-1730 in Jena studiert, war dort 1733-1735 Privatdozent für Medizin und mit einer weiteren Tochter Teichmeyers verheiratet. 1735 nach Göttingen berufen, arbeitete von Haller 15 Jahre mit Segner zusammen. Als Ergebnis seiner ausgedehnten botanisierenden Spaziergänge schrieb Albrecht von Haller u.a. seine „Flora Jenensis“ (1745) und brachte viele „Blumen von Jenas Bergen“ in sein Herbarium ein, das bei seinem Tod in 59 Foliobänden 10.000 Arten umfaßte und sich heute in Paris befindet. Was den großen Schweizer Naturforscher weniger erfreulich mit Jena verband, war ein erbitterter und 15 Jahre anhaltender Streit um die Atemtechnik mit Dr. Georg Erhard Hamberger (1697-1755), seit 1737 Professor für Physik und Mathematik, seit 1744 außerdem für Anatomie, Chirurgie und Botanik an der Universität Jena. Persönliches mag dabei auch eine Rolle gespielt haben: beide hatten sich um die Professur in Göttingen beworben. Es war jedoch der prominentere Bewerber, Albrecht von Haller, der seinen Kollegen vorgezogen wurde. Über Jena hinausreichende Bedeutung erlangte die „Grüne Tanne“ erstmals 1761, als der Jenaer Professor und Begründer der Jenaer Kameralistik Johann Georg Darjes (1714-1791), Meister vom Stuhl der Jenaer Loge „Zu den drei Rosen“, hier eine der ersten deutschen Industrieschulen gründete. Unter wechselnden Besitzern bzw. Pächtern war die „Grüne Tanne“ seit Gründung der Universität ein beliebtes Ausflugsziel der Jenaer Studenten, wo auch oft und gerne gefochten und gekneipt wurde. „und zu Jena auf der Tanne , da ward so manche Wange getroffen von des Speeres scharfer Schneide“, heißt es in einem alten Anstichlied der Burgkellerburschenschaft. Am 12 Juni 1815 versammelten sich die Landsmannschaften mit ihren alten Fahnen und zogen gemeinsam auf die „Grüne Tanne“, um dort die Jenaische Burschenschaft zu gründen. Wie aus zeitgenössischen Berichten, studentischen Stammbuchblättern und den Protokollbüchern des Vorsteherkollegiums ersichtlich, benutzte die Jenaische Burschenschaft die „Tanne“ in den Jahren 1815-1819 kontinuierlich als Kommershaus. Im Sommersemester 1818 war die „Tanne“ Sitz eines burschenschaftsinternen wissenschaftlichen Vereins. Die Gründer waren wahrscheinlich August Daniel von Binzer (1793-1868) und Robert Wesselhöft (1796-1852). Außer ihnen gehörten Rödiger, Lornsen, Haupt, Haberfeld, Witt, Leo, Sand und Heinrich von Gagern zu den regelmäßigen Teilnehmern. Man traf sich etwa alle 14 Tage, um Vorträge zu hören und über bestimmte Werke zu diskutieren. Als Staatsminister und Leiter der Oberaufsicht für Kunst und Wissenschaften im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach war Goethe in Jena auch für die dem direkt Herzog unterstehenden wissenschaftlichen Anstalten der Universität zuständig. Dies erforderte des öfteren seine Anwesenheit in Jena. Auch um den Zwängen des Hofes sowie mancherlei Ärger zu entgehen und sich ungestört seinen privaten Neigungen zu widmen, floh er wohl ganz gerne von der Weimarer Residenz in das nahe gelegene Jena. Seit 1817 nahm Goethe, davor im Haus Bischoff in der Schloßgasse 9 und im Gärtnerhaus des Botanischen Gartens, auf der „Grünen Tanne“ Quartier, wo er die Mansarde mietete. Während seines Aufenthaltes in der „Zinne über dem rauschenden Brückenbogen“ betrieb Goethe vor allem naturwissenschaftliche, kunst- und literaturhistorische sowie literarische Studien. Hier arbeitete er u.a. an den „Farben des Himmels“, der „Darstellung der entoptischen Farben“ sowie an „Morphologie und Naturwissenschaft“.Vor allem schrieb er am 19. Februar 1818 auf der „Grünen Tanne“ in Camsdorf „Die Jahre nahmen dir...“, eines der schönsten und weisesten, in den „Westöstlichen Divan. Buch der Betrachtungen“ aufgenommenen Gedichte. Das „Der Fischer“ und der „Erlkönig“ ebenfalls dort entstanden seien, ist eine in Jena liebevoll gepflegte Legende. Bevor die studentischen Korporationen Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts eigene Häuser errichteten, speisten, kneipten und fochten sie in Jena auch auf der „Grünen Tanne“. Nach 1848/49, als das Interesse der jenaischen Burschenschaften an der Lokalität offenbar nachließ, nutzten die jenaischen Corps dieses Gasthaus verstärkt als Mensur- und Kneiplokal. Das sich die jenaischen Korporationen vor dem ersten Weltkrieg aus der „Grünen Tanne“ zurückzogen, hat seine Ursache sicher nicht nur darin, daß sich das Verbindungsleben im Gegensatz zu früher jetzt mehr auf den eigenen Häusern abspielte. Zwischen 1897 und 1904 scheint die „Grüne Tanne“ - wie Karl Brundig und Georg Thieme in ihrer „Geschichte der Jenaer Arbeiterbewegung in Daten“ (Bd. 1, 1982) aufgezeigt haben – ein bevorzugtes Versammlungslokal von Gewerkschaften und Sozialdemokraten und damit für die damals überwiegend konservativen und monarchistischen Korporationen nicht mehr „coleurfähig“ gewesen zu sein. Auf öffentlichen Versammlungen des sozialdemokratischen Wahlvereins Jena/Wenigenjena sprachen z.B. Clara Zetkin, August Bebel und Adolf Damaschke. Vielfältig und schwer war das Schicksal der „Grünen Tanne“ kurz vor und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges; der traurige Weg des Zerfalls nahm seinen Lauf. Nach der Besetzung Jenas durch die amerikanischen Streitkräfte am 13. April 1945 diente das Gebäude kurzzeitig als Hauptquartier des 317. Infanterie-Regiments der US-Armee. Die Gastwirtschaft wurde weitergeführt. 1950 beschloß die Stadtverordnetenversammlung, in der „Tanne“ eine für 122 Personen bestimmte Jugendherberge einzurichten. Diese wurde am 1. August 1951 mit einer Ansprache des Oberbürgermeisters Dr. Johannes Herdegen feierlich eingeweiht. Nach einigen Jahren stellte sich jedoch heraus, daß das Gebäude für den Betrieb einer Jugendherberge baulich und funktional nicht mehr geeignet war. In den 60er Jahren wurde das Gebäude der FDJ-Kreisleitung Jena zugewiesen; sie blieb dort bis 1984. Gleichzeitig befand sich ebenfalls in den Räumlichkeiten der "Grünen Tanne" das Berufsberatungszentrum der Abteilung Berufsbildung und Berufsberatung des Rates der Stadt Jena.

Inzwischen hatte sich jedoch der Bauzustand durch mangelnde Pflege und das Unterlassen jeglicher Erhaltungsmaßnahmen so verschlechtert, daß sich das Gebäude nicht mehr zum dauernden Aufenthalt von Personen eignete. Die „Tanne“ konnte fortan nur noch als Eigenbedarfslager der Staatlichen Handelsorganisation HO dienen und wurde bald mit der Bauzustandsstufe IV bewertet, gleichbedeutend mit „nicht mehr erhaltungswürdig“ und „Zutritt verboten“.Auf der Suche nach einem Investor, der die traditionsreiche „Grüne Tanne“ unter denkmalschützerischen Bedingungen wieder aufbauen würde, kam die Stadt Jena 1990 mit der im Mainzer Exil verweilenden Jenaischen Burrschenschaft Arminia auf dem Burgkeller in Mainz in Kontakt, die in Jena eine neue Heimstätte suchte.Die Bauarbeiten begannen im Spätherbst 1992 mit den Rohbauarbeiten. Der Dachstuhl wurde im Juni 1993 gerichtet und das Richtfest am 12. Juni 1993 begangen. Bis dahin waren erhebliche bauliche Probleme zu bewältigen. U.a. hatte sich herausgestellt, daß die Fundamente der alten „Grünen Tanne“ auf dem Schwemmland der Saale den heutigen statischen Anforderungen nicht genügten und daß deshalb zur zusätzlichen Sicherheit eine aufwendige Pfahlgründung erforderlich wurde. Die Dacheindeckung war im Novemder 1993 abgeschlossen, die letzten Rohbauarbeiten endeten im Dezember 1993. Anfang Januar 1994 begannen die Heizungs- und Elektroarbeiten. Der Innenausbau schloß sich an und wurde bis auf Restarbeiten unter höchstem Einsatz aller Handwerker – bis zur letzten Minute – ausgeführt.Damit war der mühsame Weg zur Errichtung einer neuen Heimstätte der Burgkellerburschenschaft abgeschlossen. Anläßlich der Erneuerung der „Grünen Tanne“ und des Einzugs der Burgkellerburschenschaft in ihre neues Heim fand am 10. Juni 1994 in der Aula der Friedrich-Schiller-Universität ein akademischer Festakt statt.
Der vorangegangene Text wurde auszugsweise übernommen aus:
Kaupp Peter, Zinne über´m Brückenbogen
Festschrift anläßlich der Erneuerung der „Grünen Tanne“ in Jena, Jena 1994