Unsere Burschenschaft im Mainzer Exil
Nach dem 2. Weltkrieg mussten wir nach 130 Jahren unsere geliebte Alma Mater in Jena verlassen und ins Exil nach Mainz gehen, da die russische Besatzungsmacht keine freiheitlich gesonnenen Studentenverbindungen duldete. Dort residierten wir zuerst im Gashaus Becker XXXIX in Gonsenheim und später in der Steingasse, bis wir schließlich unser Haus (siehe links) in der Ritterstraße 6 beziehen konnten. Das Exil endete mit unserer Rückkehr nach Jena 1991. Die nun folgenden Ausführungen sollen einen Eindruck von den Anfängen in Mainz und der Entwicklung unserer Burschenschaft bis zur Rückkehr nach Jena geben. Die Ausführungen wurden von unserem Bundesbruder Sahm verfasst, der seine Aktivenzeit in Mainz verbrachte.
Während in der sowjetischen Besatzungszone auch nach dem zweiten Weltkrieg die Verbindungen verboten blieben, wurden sie in den Zonen der drei Westalliierten nach und nach wieder zugelassen. Es waren seinerzeit französische Besatzer, die im Nachklang der französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts für den schleichenden Niedergang der 1477 von Diether von Isenburg gegründeten Mainzer Universität sorgten und es waren erneut französische Besatzer, die am 22. Mai 1946 die Hochschule unter dem versöhnlichen Leitspruch: „Ut omnes unum sint" („Auf daß alle eins seien"), einer Anleihe aus dem Johannes-Evangelium, in der alten Flakkaserne an der Saarstraße wiederbelebten.
Allerdings erst knapp 3 Jahre später war auch in Mainz die Zeit gekommen, die Tradition der Verbindungen wiederzubeleben. Am 25.Juli 1949 legte der Senat der Uni Mainz Maßstäbe zur Zulassung studentischer Gemeinschaften fest. Pauk-, Mensur und Satisfaktionswesen waren nicht zulässig, ebenso das öffentliche Farbentragen. So gründeten junge Studenten mit Unterstützung der VAB Wiesbaden und einiger Alter Herren der VAB Mainz am 9. März 1949 in Mainz die Burschenschaft Moguntia. Um die Zulassung durch den Senat der Universität Mainz zu bekommen, mußten die Verbindungen ihre Verfassungen vorlegen. Ein Mitglied des Senats riet in einem Gespräch dringend, vorerst von der Bezeichnung „Burschenschaft abzusehen“. Die Universität habe aber Kenntnis davon genommen, daß die Verbindung die Tradition der alten Jenaischen Burschenschaft fortsetze. Unermüdlich in der Wiederauffindung der Bundesbrüder im Chaos 1945 und danach zur Wiederbelebung der Bundeszugehörigkeit war unser Bundesbruder Rudolf Strebel (SS 1922), der letzte Vorsitzende der Altherrenschaft in Jena, der die Mitgliederdatei in die westliche Besatzungszone gerettet hatte.
Am 6 Mai 1950 übernahm die Altherrenschaft der Burschenschaft Arminia auf dem Burgkeller die Burschenschaft Moguntia.
Mittelpunkt war zunächst ein Nebenraum im Mensagebäude der wiederbegründeten Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, das uns der damalige Kurator und spätere Kanzler der Universität, unser Bundesbruder Dr. Fritz Eichholz (Cimbria München 1921, EM 1950), zur Verfügung gestellt hatte, später das Gasthaus Johann Becker XXXIX in Gonsenheim (heute Gonsenheimer Hof, Ecke Mainzer Straße 132 / Weserstraße), dann, ab 1953 zwei angemietete Etagen in der Mainzer Innenstadt (Steingasse 23).
1953 erlaubte der Senat der Uni Mainz das Farbentragen bei besonderen staatlichen, kirchlichen und akademischen Feiertagen und gemeinsamen Veranstaltungen von Verbindungen. Das Farbentragen von einzelnen Studenten blieb verboten.
Aktive und Alte Herren, die noch in Jena studiert hatten, versuchten, alte Jenenser Traditionen aufrecht zu erhalten und weiter zu vermitteln. Für den Hanfried-Bummel mußte die Germania gegenüber von Becker XXXIX, später ein Denkmal im Stadtpark oder gar ein Bundesbruder im Regenmantel herhalten. Bei dem Liedgut und den Anstichen war es da leichter. Dennoch wurden immer wieder Klagen laut, daß in Mainz nicht die reine Jenaer Tradition gepflegt werde. Mancher Alte Herr verstieg sich in die Feststellung, er stehe treu zum Bunde, werde aber erst dann wieder an einer Veranstaltung des Bundes teilnehmen, wenn dieser wieder in Jena sei.
1956 wurde auf Betreiben des damaligen Vorsitzenden der Altherrenschaft, Dr. Hans Bruns (1908), das Haus in der Ritterstraße 6 erworben, das bis zur Rückkehr nach Jena unser Domizil bleiben sollte. Das war nicht selbstverständlich, sollte doch die Mainzer Zeit nur vorübergehend sein. Der Kauf eines Hauses schien eine Festlegung auf Mainz zu sein, die der Rückkehr nach Jena als einziger zu erstrebender und auch bald wieder zu erreichender Heimat entgegenstand. Da jedoch eine Rückkehr nach Jena und die Rückgabe unseres Burgkellergrundstücks nicht kurzfristig zu realisieren waren, konnten auch die Zweifler überzeugt werden. Am 5. Mai 1956 fand die Einweihungskneipe und festliche Übergabe des „Burgkellerheimes“ Ritterstraße 6 an die Jungburschenschaft statt.
Bei den Fuxenfahrten zu AH! Bruns, der uns als Vermächtnis die Dr. Hans-Bruns-Stiftung hinterließ, hatte es sich eingebürgert, daß der Fuxmajor im Anzug die Badesaison im Brunschen Swimmingpool zu eröffnen hatte, bevor alle anderen Bunderbrüder sich ebenfalls dem nassen Vergnügen widmeten, allerdings in Badehose. So kam irgendwann der Gedanke auf, daß auf dem 1600 qm großen Grundstück in der Ritterstraße genügend Platz für ein Schwimmbad sei.
Der burschenschaftliche Swimmingpool, den Bbr! Kurt-Otto Keßler durch sein Bauunternehmen im Garten errichten ließ, ließ spezielle Mainzer Traditionen entstehen, so den Beginn des inoffiziellen Teiles des Stiftungsfestes, für den der Propräses ein Bad im schwarzen Anzug nehmen mußte und die darauffolgende Hochkneipe im Pool zu der alle Teilnehmer im Anzug die aufgeschichteten Biertische und –bänke aufsuchen durften.
Im Jahr der 150. Wiederkehr der Gründung unserer Burschenschaft 1965 hatten wir den Vorsitz in der Deutschen Burschenschaft inne. Grußworte sendeten unter anderem Bundespräsident Heinrich Lübke, Bundeskanzler Prof. Ludwig Erhardt. Reden hielten unter anderem Vizekanzler Erich Mende und der Regierende Bürgermeister von Berlin Willy Brandt. Die Veranstaltung fand bundes- und DDR-weit große Anerkennung und Aufmerksamkeit durch die seitdem oft zitierte Zielangabe aus dem Grundwort unseres Jenabruders Klaus Asche von Germania im Berliner Sportpalast: „Wir werden unser Ziel erst erreicht haben, wenn wir am Ende des dornigen Weges auf dem Markt eines freien Jena stehen!“
Das verbindungsstudentische Leben in Mainz spielte sich auf den Häusern, innerhalb der ÖB (örtliche Burschenschaft), dem Zusammenschluß der drei am Hochschulort Mainz befindlichen Burschenschaften der Jenaischen B! Arminia auf dem Burgkeller, B!Germainia Halle zu Mainz und der Mainzer B! Saravia, dem Mainzer Waffenring, dem Zusammenschluß der mensurbeflissenen Verbindungen von Mainz, Bingen und teilweise Saarbrücken und dem RMK (Ring Mainzer Korporationen) statt. Außerhalb von Mainz waren wir stark in unserem damaligen Freundschaftskartell, dem RV (Roter Verband, benannt nach den roten Mützen) und im Dachverband Deutsche Burschenschaft engagiert.
Durchweg waren die Bundesbrüder bis zum Beginn der 68er Revolte in den studentischen Gremien vertreten. Mit Bbr! Lutz Dornbusch (1967/68) stellen wir im Jahr 1968 letztmalig den AStA-Vorsitzenden. Ab dieser Zeit litten wir auch unter chronischem Nachwuchsmangel.
1972 wurde unser Bund für ein Jahr aus der Deutschen Burschenschaft ausgeschlossen, da wir für den Gesamtverband das fakultative Fechten befürwortet hatten. Unsere passende Antwort hierzu war eine vielgliedrige PP gegen die Vorsitzende, B! Frankonia Münster, die selbstverständlich mit einem Nadelverhältnis zu unseren Gunsten ausging.
Die 70er Jahre waren zwar vom Rückzug auf die Häuser geprägt, jedoch genossen die Aktiven einen ungewöhnlichen Wohlstand. Das Haus wurde von einem Faxen-Ehepaar bewirtschaftet. Es gab von der Altherrenschaft finanziell geförderte Mittagstische und Abendessen und für 35,-- bis 40,-- DM konnte man auf dem Haus mit Pool wohnen. Allerdings waren Frauen – außer der Hausmeisterin zum Saubermachen – auf den Aktivenzimmern nicht erlaubt. Es gab aber auch Alte Herren, die uns Wohlstandskinder mit großem Mißtrauen betrachteten, denn „so etwas hatte es damals in Jena nicht gegeben“. Entsprechend dem Stil der damaligen Zeit waren die Haare länger und wir Aktive praktizierten stolz das „Jenenser Schäbigkeitsprinzip“. Wilde Mainzer Urburschen trugen wilde Bärte und abgewetzte Jeans oder Badehose zum Couleur; die Mütze blieb außer zur Begrüßung von Damen und bei Essen im Wert von mehr als 2,-- DM auf dem Kopf, was einzelne Aktive und Alte Herren als Disziplinlosigkeit und Indifferentismus geißelten.
Das Aktivenleben bestand neben dem Studium aus morgendlichen und abendlichen Paukstunden, Kränzchen (Vorträge), Keilabenden zur Nachwuchsgewinnung, ÖB-Vortragsabenden, Kneipen, Ex-Bummeln bzw. Aktivenfahrten zu AH!AH! oder befreundeten Korporationen an anderen Hochschulorten, RV-Veranstaltungen und DB-Seminaren, die meist am Wochenende stattfanden. Obwohl fast jeder Bbr! einen Pkw hatte, blieb für wochenendliche Heimatfahrten wenig Zeit. Ein herausragendes Erlebnis waren die Fahrten zu unserer Bundesschwester Else v. Strenge, der Witwe des vormaligen Bundesfürsten Ernst von Strenge, mit gleichzeitiger Teilnahme am Thomastag in Nürnberg und die Fuxenfahrten zu AH! Bruns, die sich auch die Burschen und Inaktiven nicht entgehen ließen. Zu den Stiftungsfesten wurden Fackelzüge zum 1960 errichteten Mahnmal der Deutschen Einheit („Deutschland ist unteilbar“) am Rhein unternommen. Ein besonderer Höhepunkt war die Feuerrede des ehemaligen Staatssekretärs im Bundesministerium für inndeutsche Fragen Dr. Günter Wetzel.
Im Sommersemester wurde nach der morgendlichen Paukstunde (die neben der um 17.00 Uhr angeboten wurde) und einem erfrischenden Bad im Pool gemeinsam auf der großen Terrasse über dem Kneipsaal gefrühstückt, um danach die Uni aufzusuchen (oder auch nicht). Für letzteres bestand besonders Gefahr, wenn der Inaktive Bbr! Schwind (1973) erschien und verkündete: „Ich gebe die fünfte Flasche Sekt!“. Keine Frage, daß sich schnell derjenige fand, der die erste Flasche ausgab. Wer die Nacht durchgefeiert hatte und zu laut mitteilte, er werde nach der Paukstunde (verbotenerweise) das Bett aufsuchen, hatte gute Chancen von kräftigen Händen in voller Montur in das Schwimmbad befördert zu werden, damit der „Delinquent“ einen Hauch morgendlicher Frische erhalte.
Entsprechend unserer Alma Mater hielten auch wir es durchaus mit dem Johannes-Evangelium. Allerdings eher mit Johannes 19, Vers 28 („Mich dürstet!“).
Bbr! Meinert (1969) wohnte über der Sektkellerei Karolus. Sein Zimmerschlüssel paßte auch in das Raritätenkabinett des Kellereibesitzers, was dieser allerdings wußte. Trotzdem tauschte er das Schloß nie aus. Und so wurden wir gelegentlich zu einer Raritätenprobe eingeladen, mußten aber auch versprechen keine Probe unter Mißbrauch des Schlüssels ohne den Eigentümer vorzunehmen. In bestem Mainzer Dialekt meinte er dann mit Hinweis auf die französische Besatzung: „De Franzose hawwe de Keller net gefunne. Aber bei Eich Buwe frei isch misch wenn’s Eisch schmeckt.“
Die Füxe wurden gelegentlich Opfer harmloser Scherze. So wurde Fux Meyer (74) vor einem Pauktag zu Corps Hassia geschickt, um dort das Sekundantensprungbrett abzuholen. Er kam mit einer alten Tür zurück. Fux Sahm (75/76) erhielt von AH! Bruns den Auftrag, in der alten Etage in der Steingasse 23 eine Türe mit den Wappen von Mainz und Jena zu beschaffen, die beim Umzug in die Ritterstraße vor 20 Jahren dort zurückgeblieben sei. Zwischenzeitlich befand sich aber in den Räumlichkeiten die „Mykonos-Bar“ – ein Etablissement mit eindeutig zweideutigem Hintergrund und alles andere als couleurfähig. Die der barbusigen Bardame nach vorherigem Ablegen von Band und Mütze gestellte Frage nach einer Tür mit den zwei Wappen führte zum sofortigen Rauswurf unseres Bundesbruders aus dem Etablissement – natürlich ohne Tür. Ein anderes Mal wurden die Füxe Puppel und Sahm von den AH!AH! Graeff und Ulbrich nachts um drei Uhr zum Bierkaufen ins Rotlichtviertel geschickt. Die pflichtbewußten Füxe kamen mit einer in einer Nachtbar zum Preis von 100,-- DM erworbenen Kiste Bier zurück (zuzüglich Taxi-Kosten), für die die Alten Herren, die sich diesen Ulk ausgedacht hatten, nun ihrerseits die Kosten zahlen mußten. Eine kleine und teure Rache.
Eine Tradition waren auch die Polizeikneipen, mit denen wir ein gutes Einvernehmen zur örtlichen Polizei herstellen konnten. Der stets anwesende Mainzer Polizeipräsident, Fbr! Kaeshagen (CV) wurde des Nachts stets von einem Polizeiwagen abgeholt und die Beamten machten sich dann einen Spaß mit Blaulicht von der Ritterstraße abzufahren. Dem guten Einvernehmen tat es keinen Abbruch, daß die „beschwingten“ Bundesbrüder Theis (1974/75) und Lockenvitz (1974/75) eines Nachts das Schild „Polizeipräsidium“ von dem Gebäude in der Klarastraße abschraubten und als Beutegut auf das Haus brachten (sogar die MRZ berichtete). Ein Anruf der beiden „Übeltäter“, ob der Mainzer Polizei nicht etwas fehle, brachte die Beamten ins Grübeln. Nachdem alle Polizeiwagen vorhanden waren, mußte wohl etwas anderes fehlen. Gegen eine Kiste Bier wurde das Schild selbstverständlich wieder ausgetauscht. Die nächste Polizeikneipe war dann allerdings ein teurer Spaß für uns, denn die Mainzer Polizei hatte einen gehörigen Durst mitgebracht.
Im Jahre 1977 feierte man den 500. Gründungstag der Mainzer Universität. Auf dem Festakt der Mainzer Korporationen sprachen unter anderem der ehemalige Bundesminister Hermann Höcherl (B! Babenbergia München), der rheinland-pfälzische Landtagspräsident Martin, Universitätspräsident Prof. Dr. Peter Schneider und Altrektor Prof. Dr. Leicher.
Großes Engagement steckte unsere Burschenschaft auch in den Dachverband Deutsche Burschenschaft. Unsere „DB-Zwillinge“, die immer im Doppelpack auftretenden Bundesbrüder Puppel (1975/76) und Sahm, waren Vorsitzender des AfbA (Ausschuß für burschenschaftliche Arbeit) und Mitglied der Satzungskommission der DB. Der RV stellte auf den Burschentagen vielbeachtete Anträge, die zuvor auf RV-Wochenenden beraten worden waren, auf denen auch das gemeinsame Feiern nie zu kurz kam.
Die Mitgliedschaft in der Deutschen Burschenschaft war für uns keine Frage. Mit der in den Fuxenstunden gelernten Arroganz des Urburschenschafters („Wir sind wir – und alle anderen sind Friseure!) betrachteten wir uns als DIE Deutsche Burschenschaft. Als im Rahmen einer DB-Veranstaltung im Jahre 1978 unsere Bundesbrüder beim Deutschlandlied die Mützen aufbehielten, hatte dies ein Untersuchungsverfahren gegen unseren Bund zur Folge. Im vollen Bewußtsein des Urburschenschafters teilten wir der VorsDB mit, daß wir die Mütze seit dem 12. Juni 1815 „immer“ aufbehielten. Die Vorsitzende möge uns doch bitte mitteilen, seit wann ihr Bund die Mütze abnehme. Es bedarf wohl keiner sonderlichen Erwähnung, daß wir von diesem Untersuchungsverfahren nie wieder etwas gehört haben.
Dennoch hatten wir zu den vorsitzenden Burschenschaften der DB nie ein gespanntes Verhältnis. Ein wenig „Reiben“ an einem anderen Bund betrachteten wir eher unter „sportlichen“ Gesichtspunkten. Zur Übergabekneipe des DB-Vorsitzes auf dem Haus der „Donaubauern“ in München war natürlich auch unser Bund geladen. Als die Gäste allerdings Biermarken kaufen (und bezahlen!) mußten, fanden wir dies natürlich weniger lustig und dies trieb Bbr! Burk beim späteren Verlassen des Hauses im schwarzen Anzug auf den dortigen Fahnenmast. Wie es der Zufall so wollte fiel kurz darauf die Danubenfahne in unseren Kofferraum und wurde erst in Mainz „wiedergefunden“. Eine Woche später traf man sich auf dem 160. Stiftungsfest der Bubenreuther und dem Vertreter Danubiae wurde das übliche Tauschgeschäft „ein Dreißig-Liter-Faß Bier gegen die Fahne“ unterbreitet. Der Verbandsbruder Danubiae forderte die sofortige Rückgabe mit dem Hinweis, es handele sich um die Fahne der VorsDB. Diesen Hinweis hat er sicherlich sofort bedauert, denn die Fahne der VorsDB war natürlich keine 30 l Bier, sondern sofort 50 l Andechser Urbock wert. Bevor die Preise noch weiter inflationär steigen konnten, willigten die Danuben in den Handel ein.
In Berlin fanden die AfbA-Tagungen statt und wir mußten auf den Transitstrecken durch die „Zone“ fahren. Ein Bundesbruder mußte Pekeschen, Paradeschläger, und Wartburgfahne mit dem Flugzeug transportieren, damit sie nicht von „DDR“-Zoll beschlagnahmt werden konnten. Auf der Rückfahrt von einer dieser Tagungen1977 kamen wir an die innerdeutsche Grenze bei Eisenach und hatten vergessen, das Band abzunehmen. Der Bubenreuther Seiß verkündete dem fragenden Zöllner keck, daß es sich um Burschenbänder handele und wir Burschenschafter seien, wahrend wir uns schon einmal auf einen sehr langen Aufenthalt und mit Kontrolle einstellten. Doch weit gefehlt. In breitestem mitteldeutschen Dialekt verkündete der Grenzsoldat: „Ach, die Revolutionäre von der Wartburg! Denn man gute Fahrt.“ Wir waren verblüfft, aber auch froh, daß die Geschichte so glimpflich abgegangen war.
Der Burschentag 1977 fand in Linz an der Donau statt und wir ließen es uns natürlich nicht nehmen in großer Zahl dorthin zu fahren. Zwischenstation wollten wir bei unserer befreundeten B! Stauffia zu München machen, die uns auch Quartier zugesagt hatte. In München angekommen war kein Stauffe zu sehen, aber das Fenster in ersten Stock des Hauses offen. Bbr! Koennecke (1976/77) konnte seine Qualitäten als Fassadenkletterer beweisen, indem er am Dachkendel in den ersten Stock kletterte und uns dann die Haustüre öffnete. Dies blieb auch in den nächsten Tagen so, denn kein Stauffe zeigte sich. Wir rächten uns, indem wir den begehbaren, großen Getränkekühlschrank vollständig leerten und einen Zettel mit der Aufschrift: „Der Burgkeller war da!“ in dem leeren Raum zurückließen. Gegenüber dem Stauffenhaus wohnte die damals recht bekannte Schauspielerin Barbara Valentin, die – wenn es zu laut wurde – recht unfreundliche Worte am Telefon finden konnte. So können die meisten der damals anwesenden Bundesbrüder für sich in Anspruch nehmen, wenigstens einmal von Barbara Valentin persönlich beschimpft worden zu sein.
Nachdem sich die Jenaische Burschenschaft bestehend aus den drei Jenaischen Burschenschaften Arminia auf dem Burgkeller (Mainz), Germania (Göttingen) und Teutonia (Berlin) bereits am 12. Juni 1971 eine neue Verfassung, Grundsätze und Satzung und gegeben hatten, wurde 1980 auf dem gemeinsamen Stiftungsfest auf Burg Saaleck besonders auf Betreiben unseres damaligen Vorsitzenden und heutigen Ehrenvorsitzenden Aloyse Gombault (1962/63) die Zusammenarbeit des Jenenser DC, intensiviert und das alte bundesbrüderliche „Du“ untereinander mit begeisterter Akklamation wieder eingeführt. Das Abkommen von 1971 wurde am 17. Oktober 1981 von den drei Jenaischen Burschenschaften nochmals bestätigt.
Im Rahmen der Reiseabkommen konnten Alte Herren aus der „DDR“ zu Stiftungsfesten kommen und wir Aktiven waren beeindruckt, welch ein Glückmoment für viele der Alten Herren der erstmalige Kontakt mit ihrem Bund bedeutete, obwohl dieser nicht mehr an ihrem Hochschulort Jena war. Wir Aktive bekamen ein richtig schlechtes Gewissen, wenn wir die Trabbis der mitteldeutschen Bundesbrüder, die z. T. in hohen Positionen als Chefärzte usw. tätig waren, neben den Mercedes-, BMW- und Audi –Limousinen oder Cabrios sahen, wir als Studenten fuhren. AH! Otto Wilke (1929/30) vertrat die Meinung, vom gesellschaftlichen Status seien wir eher Corpsstudenten, als Burschenschafter.
1979 hatte Bbr! Otto Schwarze aus Eisenach das Stiftungsfest in Mainz besucht und dabei die Aktivitas aufgefordert, gemeinsam die Ursprungsstätten der Burschenschaft in Jena und Eisenach zu besuchen. Vom 26. – 30. März 1982 wurde dies in die Tat umgesetzt und im gemütlichen Reisebus von Sahms Reisedienst fuhren 7 junge und 6 ältere Bundesbrüder z. T. mit ihren Angehörigen sowie Damen und Herren der VAB Mainz nach Thüringen. Bei dieser Fahrt war das offene Tragen von Couleur noch nicht erlaubt. Da die Reiseleiter von burschenschaftlicher Geschichte wenig Ahnung hatte, übernahm Bbr! Alfred Thullen die fachkundige Führung. Berührend war die Begegnung mit zahlreichen in der DDR lebenden Bundesbrüdern, die wir – zwar nicht ganz legal – im Bus mitnehmen durften, erschreckend der schlechte Zustand, in dem sich „Grüne Tanne“ und Burschenschaftsdenkmal in Eisenach befanden.
1982 war für unseren Bund das Jahr der Jubiläen: Zunächst unsere Teilnahme an der 150 Jahrfeier des Hambacher Festes am 23. Mai 1982, bei der unsere Kopie der Wartburgfahne von 1816 den Zug der Burschenschaften zum Hambacher Schloß anführte, wo Altbundespräsident Walter Scheel und Pierre Pflimlin, der damalige Vizepräsident und spätere Präsident des Europaparlaments eingerahmt von unseren Chargierten Ansprachen hielten, dann 120 Jahre RV und schließlich am 16./17. Oktober 1982 die 165-Jahr-Feier der drei Jenaischen Burschenschaften des Wartburgfestes mit einem Gruß des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Dr. Bernhard Vogel (später EM Arminia-Mainz).
Auf der Versammlung der Jenaischen Burschenschaft am 5. Februar 1983 in Mainz wurde offiziell beschlossen, sich mit dem bundesbrüderlichen Du anzureden, sowie die Einführung des Jenabandes, dem Band er Urburschenschaft in den Farben „schwarz- rot“ von unten, in Gold eingefaßt, mit dem aufgestickten Gründungsdatum der Urburschenschaft: „12. Juni 1815“ (oder als einfaches Band ohne jeglichen Schriftzug), das bei gemeinsamen Veranstaltungen und Veranstaltungen der Deutschen Burschenschaft neben dem Bundesband getragen werden soll. Dieses gemeinsame „Jena-Band“ soll die enge Zusammengehörigkeit der drei Jenaischen Burschenschaften demonstrieren. Zusätzlich wurde ein Ehrenband für besondere Verdienste gestiftet mit dem eingestickten Wahlspruch „Dem Biederen Ehre und Achtung“, deren einzige Träger die Bundesbrüder Aloyse Gombault und Alfred Thullen sind. Für den 26. April 1983 wurde die Jenaische Burschenschaft vom Präsidenten des rheinland-pfälzischen Landtages zur Teilnahme an einer Landtagssitzung in Mainz mit anschließendem Empfang eingeladen.
Obwohl das Couleurverbot an der Uni Mainz im Jahre 1953 aufgehoben worden war, untersagte im Jahre 1983 der Präsident der Universität, Prof. Dr. Manfred Harder, einen Couleur-Tag auf dem Universitätsgelände, da das massive Auftreten von Couleurstudenten erhebliches Aufsehen erregen werde und die Gefahr bestehe, daß dies als Provokation empfunden werde. Das Farbentragen – anders als an den Universitäten Heidelberg, Tübingen usw., in Mainz keine Tradition, im Gegenteil habe der Senat der Uni bereits 1954 die Meinungsäußerung, daß innerhalb des Universitätsgeländes öffentlich nicht Couleur getragen werden solle.
Aktiven-Generationen ist das Abendessen bei AH! Dr. Fritz Eichholz, dem ehemaligen Kanzler der Universität Mainz, bei dem wir mit dem besten aus Küche und Keller verwöhnt wurden, ein Begriff. Früher um den „Studikern“ die Möglichkeit zu geben, sich „einmal im Semester satt zu essen“, später um den Kontakt mit der Jungburschenschaft immer wieder zu pflegen und die neuen Füxe kennenzulernen. AH! Eichholz erzählte dann Geschichten aus der Gründungszeit der Mainzer Uni. Geschichten aus einer Zeit, in der wichtige Entscheidungen nicht, wie heute, in Gremien zerredet werden, sondern einfach durchgeführt wurden, weil sie notwendig waren, von der Zeit, in der aus wenigem viel gemacht wurde, manchmal auch am Rande der Legalität. So z.B. die Tatsache, daß die Mainzer Uni in der französischen Besatzungszone zwar mit Cognac gut bestückt war, jedoch es an Leichen für die Anatomie fehlte. In Göttingen hatte man zwar genug Leichen, aber keinen Cognac. So kam es, daß eines Tages ein mit französischem Cognac beladener LKW – nach alliiertem Recht Schmuggel- und Schwarzhandelsware – nach Göttingen aufbrach und mit Leichen für die Mainzer Anatomie zurückkehrte.
1985 wurde auch an der Friedrich-Schiller-Universität Jena die 170. Wiederkehr der Gründung der Urburschenschaft gefeiert. Dr. Reinhard Jonscher legte im Namen der FDJ-Studenten der Universität ein Bekenntnis zu den fortschrittlichen Studententraditionen der Urburschenschaft und forderte eine Wiederaufnahme der studentischen Wartburgtreffen der Jugend der DDR. Die TLZ berichtet in ihrer Ausgabe vom 22.06.1985: „Eine Kranzniederlegung am Burschenschaftsdenkmal beschloß diese Gedenkveranstaltung, mit der sich die Universität eindeutig zu ihrem großen nationalen Erbe der Studentengeschichte bekannte. Das progressive Erbe der Urburschenschaft ist in unserem sozialistischen Staat im besten Sinne des Wortes Bestandteil unseres Lebens und Handelns geworden.“ Eine Einladung zu dieser Veranstaltung hatten die drei Jenaischen Burschenschaften abgelehnt, da man sich nicht von dem sozialistischen Regime instrumentalisieren lassen wollte. Unser damaliger Vorsitzender und heutiger Ehrenvorsitzender Aloyse Gombault (1962/63) forderte auf dem gemeinsamen Stiftungsfest der drei Jenaischen Burschenschaften in Göttingen vom 20. – 23. Juni 1985 die Freiheit für alle Deutschen und die Einheit Deutschlands in einem freiheitlich demokratischen Gemeinwesen. Er wiederholte die richtungsweisenden Worte: „…wenn wir dereinst auf dem Markt eines freien Jena stehen werden …“. Der 9.November 1989 brachte mit der friedlichen Revolution die Möglichkeit diese Worte auch in die Tat umzusetzen.
1988 fand eine weitere Thüringenfahrt mit dem Omnibusunternehmen Sahm statt, diesmal in Couleur. Die burschenschaftlichen Stätten aber, unsere „Grüne Tanne“ und das Denkmal in Eisenach befanden sich in einem bemitleidenswerten Zustand. Es war zu befürchten, daß die baufälligen Gebäude bald einzustürzen drohten. Auch Jena erschien uns baufällig und den Braunkohlegeruch der Heizungen und die Abgase der Trabbis waren für die „West-Nasen“ mehr als gewöhnungsbedürftig. Mit einem Gefühl großer Traurigkeit fuhren wir wieder nach Mainz. Der Fall der Mauer schien so fern.
Ende der 80er Jahre trübte sich leider unser bislang gutes Verhältnis zum RV z. T. aufgrund persönlicher Querelen und Abneigungen, bis 1995 zahlreiche RV-Burschenschaften die Neue DB gründeten, während unser Bund als Urburschenschaft und „Wiege der Deutschen Burschenschaft“ selbstverständlich weiterhin in unserem Dachverband blieb. 1996 wurde der Burgkeller schließlich aus dem RV ausgeschlossen.
Am 9. November 1989 öffneten sich die Grenzen zwischen der Bundesrepublik und der „DDR“ (sowjetische Besatzungszone). Bbr! Sahm schrieb als erster in der Burgkellerzeitung einen Artikel zu der nun möglichen Rückkehr nach Jena. Allerdings waren die Vorbereitungen zum 175. Stiftungsfest in Mainz schon so fortgeschritten, daß es nicht nach Jena verlegt werden konnte. So war das 175. Stiftungsfest auch das letzte der Mainzer Stiftungsfeste. Am 12.Juni 1990 konnte die Bevölkerung von Jena anläßlich der Feierlichkeiten zur 175. Wiederkehr der Gründung der Urburschenschaft nach über 45 Jahren erstmals wieder offiziell die roten Mützen der Burgkeller-Burschenschaft in großer Zahl auf dem Marktplatz sehen. Die herzliche Aufnahme durch die Jenaer Bürger, speziell durch die älteren, die unseren Bund vor der erzwungenen Selbstauflösung 1936 noch erlebt hatten, war beeindruckend. Nach dem abendlichen Festkommers im „Schwarzen Bären“ führte Bbr! Alfred Thullen den ersten offiziellen Hanfriedbummel an.
Nachdem wir nach langen Kaufverhandlungen mit der Stadt Jena am 18. Septe1990 den Zuschlag zum Erwerb der „Grünen Tanne“ erhielten, beschlossen am 27. Oktober 1990 Jungburschenschaft und Altherrenschaft gemeinsam mit überwältigender Mehrheit: „Die Burschenschaft Arminia auf dem Burgkeller kehrt spätestens zum Sommersemester 1991 nach Jena zurück.“
Aus Studiengründen konnten im SS 1991 zunächst nur der Medizinstudent Ulrich Schmidt und der Student der Vor- und Frühgeschichte Mathias Will freiwillig bereit erklären, als Wiederbegründungsburschen nach Jena zu gehen. Als erste der drei alten Jenaischen Burschenschaften eröffneten wir den Aktivenbetrieb in Jena am 23. Februar 1991, die erste Semesterantrittskneipe fand am 6. April 1991 auf dem Fuchsturm, das erste Stiftungsfest vom 21. – 23. Juni 1991 im Hotel „Schwarzer Bär“ statt. Bbr! Alfred Thullen konnte am Grab unseres Bundesbruders Dr. med. Hans Berger auf dem Johannisfriedhof die Rückkehr des Burgkellers an seinen Ursprungsort melden. Zum 1. Mai 1991 konnten zwei Etagen in der Otto-Schott-Straße 14 als Konstante bezogen werden. Der Medizinstudent Bert Müller war 55 Jahre nach unserer erzwungenen Auflösung im Jahre 1936 der erste Aktive wieder in Jena.
Nachdem man zunächst noch gehofft hatte, das Mainzer Haus in der Ritterstraße für den Bund halten zu können, wurde schnell klar, daß man den Verkaufserlös zur Restaurierung der Tanne benötigen werde. War die Rückkehr nach Jena 1990 noch fast einstimmig beschlossen worden, so erhoben viele Bundesbrüder gegen den Verkauf des Mainzer Burgkellerheimes erheblichen Einspruch. Erst nach einer zweiten Bundesversammlung wurde am 22. Februar 1992 auch der Verkauf des Hauses in der Ritterstraße 6 in Mainz beschlossen. Vier Bundesbrüder traten als Folge dieses Beschlusses aus unserem Bunde aus.
Für die aus Studiengründen in Mainz verbliebenen Bundesbrüder wurde für ein Jahr eine Konstante in der Friedensstraße 27 in Mainz-Gonsenheim angemietet. Diese Bundesbrüder bildeten die Unterstützungsburschen für die mit Hilfe der VAB Mainz am 3. Oktober 1992 in Mainz gegründete neue Burschenschaft Arminia-Mainz, die die Lücke im Mainzer Verbindungsleben schließen sollte, die unsere Rückkehr nach Jena hinterlassen hatte und die das Haus in der Friedensstraße vorübergehend weiternutzte.
So endete die Mainzer Zeit im Herbst 1993 dort, wo sie auch begonnen hatte, in Mainz-Gonsenheim. Die Zeit des „Mainzer Exils“ war endgültig vorüber. Dieter Sahm (1975/76)
Quellen:
1. Burgkellerzeitung 1975 – 1993,
2. Thullen, Alfred: „Fünf Jahre nach dem Fall der Mauer ist der Burgkeller wieder in Jena“, BBl.1994, S. 181 ff.








